107. Ich muss nicht glauben, was ich denke (Helena Hefti)

„Ich muss nicht glauben, was ich denke.“

– Helena Hefti

Helena Hefti im Gespräch mit Michael Lüthi über Eisbaden, Angst und Intuition

Foto: Geri Born, Schweizer Illustrierte


Über den Gast

Helena Hefti Wenger ist Atem- und Kältetrainerin, Coachin und Gründerin von jala coaching mit Fokus auf Eisbaden und Atemtechnik. Sie war die erste Wim Hof Instruktorin der Schweiz und hat in zehn Jahren rund 2000 Menschen in die Kälte begleitet. Vor ihrer Selbstständigkeit arbeitete sie als Qualitätsleiterin beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen und baute mit ihrer Familie drei Jahre lang ein Tauchresort auf den Philippinen auf. Heute ist sie zusätzlich Oxygen-Advantage-Master-Instruktorin, Buteyko-Instruktorin und Freitaucherin und baut mit coldcoaches.ch eine eigene, unabhängige Ausbildung für Kältetrainerinnen und -trainer auf.


Worum es in dieser Folge wirklich geht

  • Warum Kälte weicher statt härter macht
  • Wie man lernt, den eigenen Gedanken nicht mehr zu glauben
  • Der Unterschied zwischen Kämpfen und Loslassen beim Einstieg ins kalte Wasser
  • Warum Wim-Hof-Atmung und Wasser nie zusammengehören
  • Wie man ohne Hyperventilieren freitaucht
  • Was das Gruppenerlebnis beim Eisbaden auslöst
  • Wann Kälte gefährlich wird, und woran man es erkennt
  • Warum die Sehnsucht grösser sein muss als die Angst

Eisbaden – worum es geht

Eisbaden ist für Helena Hefti ein Trainingsfeld für Entscheidungen unter Stress. Wer sich entspannt statt zu kämpfen, übersteht die Kälte leichter, und lernt dabei, wie man auch im Alltag ruhiger auf Stressreize reagiert. Schon 14 bis 16 Grad Wassertemperatur reichen für die gewünschte Stressreaktion – die Vorstellung von 0 Grad ist ein Mythos.


Hör diese Folge, wenn…

  • Du oft mehr denkst als du fühlst und wissen willst, wie man aus dem Gedankenkarussell aussteigt
  • Du dich vor Kälte, Wasser oder körperlichen Grenzerfahrungen fürchtest
  • Du wissen willst, wie viel Kälte für einen gesundheitlichen Effekt wirklich nötig ist
  • Du eine Entscheidung vor dir herschiebst und einen klaren Blick auf den Moment des Entscheids brauchst
  • Du dich fragst, was Freitauchen, Meditation und Eisbaden gemeinsam haben
  • Du als Führungsperson oder im Team ein verbindendes Gruppenerlebnis suchst

Zentrale Erkenntnisse

  • Kälte macht uns weicher und zugänglicher, weil wir mehr Zeit zwischen Reiz und Reaktion gewinnen
  • Der wichtigste Wendepunkt ist die Fähigkeit, Gedanken zu beobachten statt ihnen zu glauben
  • Wer sich beim Einstieg entspannt, übersteht die Kälte leichter als wer dagegen ankämpft
  • Der Entscheid, ins Wasser zu gehen, muss vor dem Zögern fallen
  • Das Gruppenerlebnis ist oft stärker als der ursprüngliche Zweck: Verbundenheit statt Wettbewerb
  • Wim-Hof-Atmung und Wasser gehören nie zusammen: Die Kombination aus Hyperventilation und Tauchen ist die eigentliche Gefahr
  • Der gesundheitliche Effekt ist messbar, doch die meisten Studien arbeiten mit schlecht vorbereiteten Probanden
  • Die Angst ist normal. Die eigentliche Frage ist, ob man ihr weiter folgen will

Starke Zitate

„Ich muss nicht glauben, was ich denke.“

– Helena Hefti

„Die Sehnsucht muss grösser sein als die Angst, dann wird Mut geboren.“

– Helena Hefti

„Ob es gut ist für dich, kannst du nur herausfinden, wenn du es mal probierst.“

– Helena Hefti

„Am Schluss verlieren wir alle.“

– Helena Hefti

„Ich habe die Erfahrung: 99,99 Prozent der Menschen können ohne Probleme in einem Eisbad sitzen.“

– Helena Hefti

„Das ist ein bisschen tricky – so, wie wenn ich Alkohol trinke und denke, je mehr ich trinke, desto besser fahre ich Auto.“

– Helena Hefti


Ausführliche Zusammenfassung

Wer ist Helena Hefti? Zwischen Härte und Feinfühligkeit

Michael eröffnet mit einer Direktfrage: Ist Helena ein harter Hund oder ein feinfühliger Mensch? Ihre Antwort überrascht: Kaltbaden hat sie weicher gemacht. Sie erzählt von einer Teilnehmerin, die ihr ein Härte-Motto unterstellte, das sie so nie verwendet hat. Für Helena bedeutet Kälte innere Stabilität – und die erlaubt ihr, offener auf Menschen zuzugehen.

„Ich muss nicht glauben, was ich denke“

Der Kernsatz der Folge fällt beiläufig: Kurz vor einem Eisbad hat Helena gelernt, ihre Gedanken zu beobachten statt ihnen zu folgen – inspiriert von The Work of Byron Katie. Sie beschreibt zwei innere Instanzen: eine, die ständig kommentiert, den sogenannten Monkey Mind, und eine, die diesen Kommentar wahrnimmt und einordnet.

Der Dialog vor dem Eisbad

Jeder Gedanke löst laut Helena eine körperliche Reaktion aus. Sich einzureden, sie möge kaltes Wasser, wäre für sie unehrlich. Stattdessen denkt sie gezielt an Dinge, die ihre Energie erhöhen: eine unterstützende Person, eine frühere Erfahrung, die gut ausging.

Vom Kämpfen zum Loslassen

Michael berichtet von seinem eigenen Winter-Experiment: täglich Eisbaden auf dem Balkon, anfangs mit Bären-Vorstellung und Durchzählen bis zur Zwei-Minuten-Marke, heute entspannt mit bewusstem Ausatmen. Helena bestätigt: Einstellung und Atem machen den Unterschied. Ihr Bild dafür: Eine gekochte Spaghetti zerbricht leicht, eine rohe biegt sich – wie Bambus im Wind.

Warum Eisbaden glücklich macht

Das Einsteigen bleibt schwierig, das Aufwärmen danach ist für Helena der eigentliche Lohn: ein langanhaltendes Hochgefühl, das sich über Stunden aufbaut statt abrupt abzufallen – getragen von Dopamin.

Keine Gewinner: Das Gruppenerlebnis

Was als Kälte-Training beginnt, wird für viele zum Verbindungserlebnis. Helena beschreibt, wie sich Teilnehmende beim gemeinsamen Eisbad gegenseitig tragen, und wie Oxytocin beim Aufwärmen das Gefühl von Nähe verstärkt.

Wim-Hof-Atmung und die Gefahr im Wasser

Michael spricht die über 20 dokumentierten Todesfälle im Zusammenhang mit Wim-Hof-Atmung und Kaltwasser an, sowie Scott Carneys Vorwurf gegen diese Kombination. Helenas Antwort ist klar: Hyperventilation und Wasser gehören nie zusammen – das steht auch auf der Wim-Hof-Website. Sie erzählt von einem eigenen Beinahe-Unfall in der Dusche. Wim Hof selbst ist Extremsportler mit einem Sicherheitsteam im Hintergrund.

Freitauchen ohne Hyperventilieren

Als Apnoetaucherin bereitet sich Helena mit ruhiger Atmung vor. Sie erklärt, warum der Atemreiz mit CO2 im Blut zu tun hat statt mit Sauerstoffmangel, und wie sich dieser Reiz gezielt desensibilisieren lässt.

Vom Panikkind zur Freitaucherin

Als Kind hatte Helena Panik, wenn sie beim Schwimmen unter Wasser gedrückt wurde. 2015 überzeugte sie ein Freund von einem Kurs mit Geld-zurück-Garantie – nach zwei Tagen konnte sie zwei Minuten die Luft anhalten, nach vier Tagen vier Minuten. Der Satz „du bist ein Talent“ veränderte, was sie sich selbst zutraute.

Der Glücksmoment unter Wasser

Anders als beim schnellen Dopaminkick von Bildschirmen baut sich das Glücksgefühl beim Freitauchen langsam auf und hält Stunden an. Helena beschreibt, wie stark die eigene Erwartungshaltung das Ergebnis eines Tauchgangs beeinflusst.

Eisbaden im Sommer

Auch ohne Eis funktioniert das Prinzip: Schon 14 bis 16 Grad – eine kalte Badewanne oder ein kühler Fluss wie die Aare – reichen für die gewünschte Stressreaktion. Entscheidend ist der Reiz, der eine kurze, hormetische Stressantwort auslöst.

Warum dein Körper Nein sagt

Vor dem Becken sagt der Körper Nein, der Verstand weiss, dass es guttut. Helena begleitet Menschen Schritt für Schritt: erst ein Fuss, dann gemeinsam an der Hand ins Wasser. Sie erzählt von Firmen-Workshops, in denen Chefs überzeugt werden müssen, und von Teilnehmenden, die ihr Badekleid absichtlich zu Hause lassen.

Wann Helena jemanden aus dem Wasser holt

Die Verantwortung liegt am Ende bei der teilnehmenden Person selbst – das steht auch im Haftungsformular. Nur bei einem Symptom greift Helena sofort ein: starke, plötzliche Kopfschmerzen, die auf ein reversibles Vasokonstriktionssyndrom hindeuten können. In fast zehn Jahren und rund 2000 begleiteten Menschen hatte sie genau einen solchen Fall.

Ist der Effekt messbar?

Ja: Entzündungsmarker und Stresshormone lassen sich im Blut nachweisen. Das Problem vieler Studien liegt im Setting – sie arbeiten mit unvorbereiteten Anfängern in sterilen Räumen, ohne die Begleitung, die den Effekt erst ermöglicht. Helena zieht den Vergleich zur Achterbahn: Wer sich freut, schüttet andere Hormone aus als wer Angst hat.

Der garstige Novembertag

Im Sommer ist der Schritt ins kalte Wasser leicht, an einem kalten Novembermorgen direkt nach dem Aufstehen umso schwerer. Michael beschreibt den mentalen Umbruch, den er selbst durchlaufen hat. Helena bestätigt: Mit der Zeit wird der Widerstand kleiner, auch wenn die körperliche Kälte gleich bleibt.

Meditation, Freitauchen, Eisbaden

Alle drei teilen laut Helena ein zentrales Element: das Loslassen von Gedanken. Beim Eisbaden dauert der akute Stress nur 30 bis 60 Sekunden, danach folgt der eigentliche, meditative Teil – deshalb rät sie zu zwei bis drei Minuten statt möglichst langem Verweilen. Als Gegenbeispiel nennt sie Wim Hofs Rekord von zwei Stunden im Eis.

Die Trennung von Wim Hof

Nach fast zehn Jahren als Wim-Hof-Instruktorin baut Helena eine eigene, unabhängige Kältetrainer-Ausbildung auf (coldcoaches.ch). Der Grund: Das Wim-Hof-System bietet erfahrenen Trainerinnen keinen Raum, selbst auszubilden. Ihre Ausbildung dauert zweimal zwei Wochenenden plus Praxisphase und legt Wert auf eine Community, die sich gegenseitig unterstützt – inklusive dem offenen Umgang mit Risiken wie Kopfschmerzen oder Ernährung vor dem Eisbad.

Die Sehnsucht grösser als die Angst

Herausgezoomt zeigt sich ein Muster: Immer wieder hat Helena grosse Schritte gewagt – die Auswanderung mit zweijährigem Sohn auf die Philippinen, mit 16 ein Jahr in die USA. Ihr Vater prägte sie mit dem Satz „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“. Angst begleitet sie dabei durchaus, doch die Sehnsucht nach Neuem ist stets grösser. Eine Ausnahme: Autofahren macht ihr bis heute Angst.

Der Rat an alle „Fröhrlis“

Zum Abschluss ihre Botschaft an alle, die zögern: Angst zu haben ist normal, auch für „Fröhrlis“ (Frostbeulen) – wichtig ist die Begleitung durch erfahrene, ruhige Menschen und das Wissen, dass man jederzeit wieder rausgehen darf. Gefunden wird sie über jala.ch und auf Instagram unter @cooljala.


Die zentrale Erkenntnis dieser Folge

Gedanken sind Produkte von Erziehung und Erfahrung. Wer lernt, sie zu beobachten statt ihnen zu folgen, findet auch im kalten Wasser den Weg zur Entspannung – und im Alltag mehr Zeit zwischen Reiz und Reaktion.


Kapitel / Time Stamps

  • 00:00 – Wer ist Helena Hefti? Zwischen Härte und Feinfühligkeit
  • 05:20 – „Ich muss nicht glauben, was ich denke“
  • 09:02 – Der Dialog vor dem Eisbad
  • 12:08 – Vom Kämpfen zum Loslassen
  • 17:13 – Warum Eisbaden glücklich macht
  • 19:35 – Keine Gewinner: Das Gruppenerlebnis
  • 24:12 – Wim-Hof-Atmung und die Gefahr im Wasser
  • 29:35 – Freitauchen ohne Hyperventilieren
  • 35:47 – Vom Panikkind zur Freitaucherin
  • 41:54 – Der Glücksmoment unter Wasser
  • 43:45 – Eisbaden im Sommer
  • 46:28 – Warum dein Körper Nein sagt
  • 54:35 – Wann Helena jemanden aus dem Wasser holt
  • 59:35 – Ist der Effekt messbar?
  • 1:05:55 – Der garstige Novembertag
  • 1:09:33 – Meditation, Freitauchen, Eisbaden
  • 1:16:00 – Die Trennung von Wim Hof
  • 1:29:04 – Die Sehnsucht grösser als die Angst
  • 1:40:28 – Der Rat an alle „Fröhrlis“

Für wen ist die Folge relevant?

  • Unternehmerinnen und Führungskräfte, die mit Stress und schnellen Entscheidungen leben
  • Menschen, die unter Angst vor konkreten Situationen wie Wasser, Kälte oder Kontrollverlust leiden
  • Alle, die Wim Hof, Eisbaden oder Freitauchen ausprobieren wollen und die Risiken kennen möchten
  • Teams und Firmen, die ein verbindendes Gruppenerlebnis suchen
  • Menschen mit ADHS, Diabetes, Rheuma oder Bluthochdruck, die sich für die gesundheitliche Wirkung von Kälte interessieren

Weiterführende Links

Helena Hefti Wenger
Website
Kältetrainer-Ausbildung
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Erwähnt im Gespräch
Wim Hof Method
Scott Carney – What Doesn’t Kill Us

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