101. Warum Begeisterung heute so selten geworden ist (Christoph Quarch)

Der Geist ist wie die Luft, die du atmest. Man spürt ihn nicht, aber er ist immer da.

– Christoph Quarch

Business Intuition & More Podcast Folge 101 – Christoph Quarch über Begeisterung finden, Eros und Führung

Foto: Ulrich Mayer


Über den Gast

Christoph Quarch hat Theologie und Philosophie studiert, war Chefredakteur, hat die evangelische Kirche verlassen und sich dabei nie verloren. Heute arbeitet er als freischaffender Philosoph, Autor und Gründer der Akademie 3 – einer Plattform für geistige Erneuerung, die Denkräume schafft, in denen Begeisterung möglich ist. Sein Denken kreist um die Fragen, die viele verdrängen: Was ist ein gutes Leben? Was treibt Menschen wirklich an? Und warum reicht Effizienz allein nicht aus?


Worum es in dieser Folge wirklich geht

  • Warum Begeisterung heute so selten ist – und was der Eros der Griechen damit zu tun hat
  • Was das mentale Betriebssystem unserer Wirtschaft ist – und warum es reformiert werden muss
  • Warum Intuition sich nicht erzwingen lässt – und wie man sie trotzdem kultiviert
  • Was Schönheit mit Führung und Motivation zu tun hat
  • Wie Unternehmen von Maschinen zu Gärten werden können
  • Warum der Esel ein besseres Führungsrollenmodell ist als der Löwe
  • Was Platon einem Jugendlichen heute raten würde – im Zeitalter der KI

Begeisterung finden – worum es geht

Christoph Quarch hat mit 15 Jahren ein Büchlein seines Vaters gefunden: Platons Meisterdialoge. Er verstand kaum etwas davon – und dennoch berührte es ihn. Aus diesem Moment wurde ein Leben als freischaffender Philosoph, Autor und Denker. In dieser Folge geht es nicht um Karriere, sondern um das, was Menschen wirklich antreibt: Begeisterung finden, Eros als Lebenskraft, Schönheit als Führungsprinzip – und die Frage, ob Europa für eine neue Renaissance bereit ist.


Hör diese Folge, wenn…

  • du dich fragst, warum echte Begeisterung heute so selten ist
  • du Intuition nicht als Zufall, sondern als kultivierbare Fähigkeit verstehen willst
  • du wissen möchtest, was Platon mit dem heutigen Führungsalltag zu tun hat
  • du spürst, dass das mentale Betriebssystem unserer Wirtschaft reformiert werden muss
  • du dich für Schönheit, Lebendigkeit und Freiheit als Führungsprinzipien interessierst
  • du ein Gespräch hören willst, das philosophische Tiefe mit unternehmerischer Relevanz verbindet

Zentrale Erkenntnisse

  • Begeisterung lässt sich nicht verordnen – aber die Bedingungen dafür kann man schaffen
  • Intuition ist kein Werkzeug, das man auf Abruf einsetzt – sie kommt, wenn man empfänglich ist
  • Das mentale Betriebssystem unserer Wirtschaft ist auf Macht ausgerichtet – nicht auf Lebendigkeit
  • Schönheit – im Sinne von Harmonie und Stimmigkeit – ist keine Dekoration, sondern eine Führungsaufgabe
  • Der Esel führt besser als der Löwe: Sensitivität, Intuition und das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung sind entscheidend
  • Spielräume in Unternehmen sind keine Verschwendung – sie sind die Keimzellen des Geistes
  • KI kann nicht intuitiv sein, keine Sinnfragen stellen, keine Sterblichkeit verstehen – das bleibt menschlich

Starke Zitate

„Der Geist ist wie die Luft, die du atmest. Man spürt ihn nicht, aber er ist immer da.“

– Christoph Quarch

„Je mehr wir in unseren Konzepten verhaftet sind, desto weniger können wir intuitiv in Situationen hineinspüren.“

– Christoph Quarch

„Wir müssen weit, weit, weit zurückgehen in die Geschichte, um den Schwung zu holen, den wir brauchen.“

– Christoph Quarch

„Begeisterung ist die Ressource, die alle Unternehmen so dringend brauchen – die sie aber nicht erschliessen können, weil kein Platz dafür ist.“

– Christoph Quarch

„Die Intuition hat die Eigenschaft, dass sie sich unserer Verfügbarkeit entzieht.“

– Christoph Quarch

„Was wir heute brauchen, ist ein menschliches Framing der künstlichen Intelligenz.“

– Christoph Quarch

„Bleibt dem Menschsein treu.“

– Christoph Quarch


Ausführliche Zusammenfassung

Platon und der Keim der Philosophie

Christoph Quarchs Weg zur Philosophie beginnt mit einem zufälligen Fund: ein kleines Büchlein im Regal seines Vaters, Platons Meisterdialoge. Er liest ein paar Passagen aus dem Dialog Phaidon – versteht kaum etwas davon, aber spürt: das betrifft mich. Der Keim ist gelegt. In der Oberstufe in Düsseldorf kommt der Philosophiekurs dazu, später das Studium, die Doktorarbeit über Platon, Jahre im Umfeld der Kirche – bis er schliesslich als freischaffender Philosoph landet, der bis heute von diesem ersten Funken angetrieben wird.

Theologie, Spiritualität und der Weg zur Philosophie

Quarch hat nicht nur Philosophie, sondern auch Theologie studiert. Die evangelische Kirche liess seine religiösen Sehnsüchte letztlich unbefriedigt. Er suchte weiter – im Zen-Buddhismus, im Sufismus, im Schamanismus – und fand schliesslich seine geistige Heimat in der griechischen Philosophie. Dort, an der Grenze zwischen Mythos und Logos, liegt für ihn eine Sprache, die religiöse Tiefe und klares Denken verbindet, ohne in konfessionelle Dogmen zu verfallen.

Der Esel als Führungsmodell

In seinem Buch «The Donkey School of Leadership» plädiert Quarch dafür, den Esel statt den Löwen als Führungsmodell zu nehmen. In traditionellen Karawanen der Wüste wurde immer ein Esel vorangeschickt – nicht die Kamele. Der Grund: Esel haben eine ausserordentliche Intuition, ein fast 360-Grad-drehbares Gehör und ein feines Sensorium für die Realität. Ihre sogenannte Sturheit ist in Wirklichkeit Vorsicht: Wenn sie den Grund nicht sehen können, machen sie keinen Schritt weiter. Eine Fähigkeit, die viele Führungskräfte sich zurückwünschen sollten.

Intuition – nicht erzwingbar, aber kultivierbar

Intuition lässt sich nicht wie ein Werkzeug aus der Toolbox nehmen. Sie kommt – oder sie kommt nicht. Was man tun kann: empfänglich bleiben. Wer zu stark in seinen eigenen Konzepten und Methoden verhaftet ist, verliert die Fähigkeit, intuitiv in Situationen hineinzuspüren. Quarch vergleicht das mit dem Fussball: Beim Elfmeter muss man der Intuition folgen – wer nachdenkt, schiesst vorbei. Und beim Pass in den freien Raum gibt es keine Zeit für Analyse. Das ist ein menschliches Privileg, das keine KI einholen kann.

Das mentale Betriebssystem der Wirtschaft

Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem läuft auf einem mentalen Betriebssystem, das auf Macht ausgerichtet ist: Maximierung, Optimierung, Kontrolle. Quarch sieht darin die Wurzel vieler Dysfunktionalitäten – von New Work bis zur politischen Erosion. Sein Gegenvorschlag: ein neues Operating System, das sich an der griechischen Idee der Lebendigkeit orientiert. Die Griechen haben Zeus nicht wegen seiner Macht verehrt, sondern wegen seiner Lebendigkeit – und in einer Zeitspanne von 50 Jahren in Athen mehr erschaffen als spätere Jahrhunderte.

Eros, Schönheit und Begeisterung

Eros ist für Quarch weit mehr als Begierde – er ist die Grundvitalenergie des Lebens. Der Eros treibt den Baum an, aus einem Samenkorn zu werden, was er sein kann. Und er treibt Menschen an, ihre Potenziale zur Entfaltung zu bringen. Wenn dieser Eros erlischt, entsteht das, was Byung-Chul Han die Agonie des Eros nennt – und was wir in unserer Gesellschaft als weit verbreitete Begeisterungslosigkeit erleben. Das Gegenmittel der Griechen: Schönheit. Nicht als Dekoration, sondern als Harmonie, als Stimmigkeit – die Begeisterung weckt und den Eros nährt.

Vom Maschinendenken zum Gartendenken

Unternehmen als Maschinen zu denken, die auf Effizienz und Produktivität optimiert werden – das ist das dominierende Paradigma. Quarch schlägt ein anderes Bild vor: den Garten. Ein Garten braucht Funktionalität und Ästhetik, er braucht Raum für Wachstum und Freiheit. Konkret empfiehlt Quarch: kleine subversive Schrebergärten in Unternehmen, in denen eine andere Logik herrscht. Und – angelehnt an den jüdischen Sabbat – regelmässige Feiertage, an denen keine ökonomische Rationalität bedient werden muss, sondern der Geist des Unternehmens gefeiert wird.

Spielräume, Freiheit und der Homo Ludens

Freiheit im Unternehmen entsteht nicht durch Regellosigkeit, sondern durch Spielräume – klar begrenzt, aber innerhalb dieser Grenzen offen. Quarch nutzt das Bild des Fussballers: In 90 Minuten auf 80 x 110 Metern hat man eine ausserordentliche Freiheit – gerade weil die Regeln feststehen. Der Homo Ludens, der spielende Mensch, braucht kein Ergebnis zu produzieren; das Spiel trägt seinen Sinn in sich. Genau diesen Geist brauchen Unternehmen dringend.

Die Akademie 3 und die Kraft des Geistes

Die Akademie 3, die Quarch gemeinsam mit seiner Frau vor fünf Jahren gegründet hat, ist kein Think Tank – sondern ein Thought Garden. Ziel ist es, Räume zu schaffen, in denen Begeisterung möglich ist und der Geist wehen kann. Das geschieht durch eine jährliche Summer School mit einem Viertel Unter-30-Jährigen, durch Konvivien in Grossstädten und durch eine Gemeinschaft von Fellows, die sich regelmässig treffen, um über die Fragen zu sprechen, die im normalen Alltag keinen Platz finden.

Begeisterung braucht Begegnung

Der Geist stellt sich nur dort ein, wo Menschen gemeinsam etwas tun. Quarch verweist auf Martin Buber: Der Geist ist wie die Luft, die du atmest – man spürt ihn erst, wenn Wind geht. Begeisterung entsteht im Miteinander, nicht im Alleingang. Deshalb brauchen Organisationen nicht nur bessere Prozesse, sondern Räume echter Begegnung.

Was Platon einem Jugendlichen heute raten würde

KI kann die instrumentelle Vernunft des Menschen imitieren – und darin weit übertreffen. Aber sie kann nicht intuitiv sein, keine Sinnfragen stellen, keine Sterblichkeit verstehen. Was Quarch – in Platons Namen – einem Jugendlichen heute raten würde: Folge deiner Intuition. Folge dem Eros. Folge der Schönheit. Mach etwas Menschliches – etwas, das wirklich nur Menschen können.


Die zentrale Erkenntnis dieser Folge

Begeisterung finden ist keine Frage der Motivation oder des richtigen Mindset-Trainings. Sie entsteht dort, wo Menschen auf Schönheit treffen – auf Stimmigkeit, auf Harmonie, auf echte Begegnung. Christoph Quarch zeigt, dass Philosophie keine akademische Übung ist, sondern eine Praxis der Aufmerksamkeit. Und dass die Antworten auf die drängendsten Fragen unserer Zeit manchmal 2500 Jahre alt sind.


Kapitel / Time Stamps

  • 00:00 – Einführung: Eros, Begeisterung und die Frage nach dem guten Leben
  • 00:27 – Platon, ein Büchlein und der Keim der Philosophie
  • 03:52 – Theologie, Spiritualität und warum die griechische Philosophie mehr gibt
  • 07:42 – Der Esel als Führungsmodell: Intuition, Sensitivität und gesunde Vorsicht
  • 11:13 – Wie Intuition funktioniert – und warum sie sich nicht erzwingen lässt
  • 15:54 – Das mentale Betriebssystem der Wirtschaft und seine Dysfunktionen
  • 22:58 – Was ein neues Operating System braucht – und was Europa von der Renaissance lernen kann
  • 28:17 – Lebendigkeit statt Macht: was die griechischen Götter uns lehren
  • 32:47 – Eros als Lebenskraft: Begeisterung, Schönheit und was Menschen wirklich antreibt
  • 41:23 – Freiheit, Spielräume und das Unternehmen als Garten

Für wen ist die Folge relevant?

  • Führungskräfte, die spüren, dass Effizienz allein nicht ausreicht
  • Unternehmerinnen und Unternehmer, die nach einem anderen Paradigma suchen als dem der reinen Optimierung
  • Menschen, die Philosophie nicht als Luxus, sondern als Praxis verstehen wollen
  • Alle, die sich fragen, was Eros, Schönheit und Spielräume mit Unternehmenskultur zu tun haben
  • Menschen, die wissen wollen, was Platon ihnen – und ihrer Organisation – heute noch zu sagen hat

Weiterführende Links

Christoph Quarch
christoph-quarch.de
Akademie 3

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